Kirchengemeinden – Gemeinwohl-Ökonomie – Transformation: Christliche Leitbilder für unsere Wirtschaftsordnung

Unter diesem Motto war Joachim Langer – aktiv in der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) in Heidelberg und freier Mitarbeiter der Werkstatt Ökonomie – für den 3. Oktober 2021 von Claudia Barth und Stefan Nadolny (Hoffnungskirchengemeinde) in die Neue Brüderkirche zu einem Vortrag mit Workshop und anschließendem Vespergottesdienst eingeladen worden. Die Kasseler Regionalgruppe der GWÖ hat die Veranstaltung begleitet und unterstützt.

Herausforderung Transformation

Zunächst ging Joachim Langer auf das Thema Transformation ein. Wenn wir unseren ökologischen Fußabdruck betrachten, dann wird sehr deutlich, welchen Umfang der notwendige sozial-ökologische Umbau unserer Gesellschaft und Wirtschaft ausmacht. Im Durchschnitt haben wir in Deutschland einen drei-fachen Fußabdruck. Bedeutet: wenn alle Menschen auf der Erde so leben würden wie wir, dann bräuchten wir drei Erden, um den Ressourcenbedarf zu decken. Um also – global betrachtet - in den Bereich der Nachhaltigkeit zu kommen, gilt es, unseren Lebensstil und unsere Art und Weise zu wirtschaften entsprechend zu verschlanken. In die Sprache des Glaubens übersetzt: es ist nicht angesagt, unsere Infrastruktur und unseren Konsum noch weiter zu vermehren, sondern wir haben bereits zu viel. Wir sind aufgefordert zu teilen, vor allem mit den Ländern im globalen Süden.

Wie möchte die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) dieser Herausforderung begegnen?

Hauptkritik der GWÖ ist, dass die Geldvermehrung zum Ziel unseres Wirtschaftens wurde und dass unsere Wirtschaftsordnung die Ausbeutung von Mensch und Umwelt unterstützt. Die GWÖ dagegen hat ein gutes Leben für Mensch und Umwelt zum Ziel. Dies erfordert, so zu wirtschaften, dass unsere Lebensgrundlage, die Schöpfung Gottes, erhalten bleibt. Dafür hat sie eine ethische Wirtschaftsordnung entworfen. Das Engagement von Unternehmen und Organisationen, die einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten, wird vom Staat anerkannt und honoriert, z. B. steuerlich. Unternehmen, die Mensch und Umwelt ausbeuten werden stärker zur Kasse gebeten. Mit der Umsetzung dieses Ansatzes würden starke Anreize gesetzt, zum Beispiel Verantwortung für die gesamte Lieferkette zu übernehmen, Produkte langlebig, reparabel und recyclingfähig zu gestalten, mit Ressourcen sparsam umzugehen, faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen für alle zu gestalten. Insgesamt führt das zu mehr Lebensqualität, weil wir mehr Zeit haben zum Beispiel für Gesundheit, Soziales, Bildung und Umwelt.

Ethischer Maßstab

Der Beitrag zum Gemeinwohl wird gemessen mit den Werten Menschenwürde, Solidarität & Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Mitentscheidung & Transparenz. Diese Werte entsprechen auch den christlichen Leitbildern wie Nächstenliebe, Achtung der Menschenwürde und gerechtes Teilen.

In den Pausengesprächen wurde deutlich, dass die mehr als 20 Teilnehmenden die Idee in ihre Gemeinden tragen möchten. Denn hier bieten sich mehrere Chancen: Kirchengemeinden und alle teilnehmenden Institutionen, Organisationen und Unternehmen können als Vorbilder beginnen, diese ethische Wirtschaftsordnung bei sich umzusetzen und das Leben der Werte auch im wirtschaftlichen Kontext einzuüben. Darüber hinaus können sie gesellschaftlich dafür werben und eintreten, unsere bestehende Wirtschaftsordnung gemeinsam entsprechend umzugestalten. Teilnehmende der Veranstaltung waren, neben GWÖ-Aktiven der Regionalgruppe Kassel, Mitglieder von evangelischen und katholischen Gemeinden sowie Vertreter:innen des Kasseler anthroposophischen Zweiges.

Im anschließenden Vespergottesdienst vertiefte Stefan Nadolny das Ziel, ein gutes Leben für ALLE!. Mit dem Gleichnis der Tagelöhner im Weinberg, die alle den gleichen Lohn bekommen, damit alle genügend zum Leben haben. Ebenfalls stellte er die Parallelen zwischen Gemeinwohl-Ökonomie und dem lumbung-Konzept dar, welches Motto der documenta im kommenden Jahr sein wird. Eine weitere Chance, um mit positiven Beispielen die Transformation zu thematisieren und ins Handeln zu kommen.

Die GWÖ Regionalgruppe Kassel wird zu einem Folgetreffen einladen, damit weitere Interessierte aus Kirchengemeinden und anderen Institutionen und Organisationen die bis dahin gemachten Erfahrungen und den Ansatz der GWÖ kennen lernen können. Je mehr Beteiligte sich glaubhaft engagieren, desto größer ist die Chance, den notwendigen sozial-ökologischen Umbau unserer Gesellschaft und Wirtschaft (Transformation) – angesichts der fortschreitenden Klimaerwärmung – noch rechtzeitig und glaubhaft anzugehen.