Hakainde Hichilema hat die Präsidentschaftswahl in Sambia deutlich gewonnen. Nach Angaben der Electoral Commission of Zambia (ECZ) erhielt der Amtsinhaber rund 60,5 Prozent der Stimmen, sein wichtigster Herausforderer Brian Mundubile kam auf etwa 38 Prozent. Damit hat Hichilema ein starkes Mandat für eine zweite Amtszeit erhalten. Doch der Wahlsieg beendet die politischen Auseinandersetzungen nicht. Im Gegenteil: Die Wahl hat sichtbar gemacht, wie sehr sich der politische Raum in Sambia in den vergangenen Jahren wieder verengt hat.
Die Europäische Union kommt in ihrer vorläufigen Bewertung zu einem ambivalenten Ergebnis: Der Wahlprozess sei grundsätzlich kompetitiv gewesen, zugleich hätten Einschränkungen grundlegender Freiheiten für ein „uneven playing field“, also ungleiche Wettbewerbsbedingungen, gesorgt. Unsere Partnerorganisation, das Jesuit Centre for Theological Reflection (JCTR), das mit einem landesweiten Netzwerk von Beobachter:innen die Wahl begleitete, beschreibt dagegen den Wahltag selbst in vielen Regionen als weitgehend friedlich. Diese Unterscheidung ist wichtig: Nicht die Stimmabgabe am 13. August war das größte Problem – sondern die politischen Bedingungen davor und die Transparenz der Auszählung danach.
Ein Wahltag, der zunächst friedlich verlief
JCTR beobachtete Wahllokale unter anderem in Lusaka, Lundazi, Mongu, Kasama, Livingstone, Kitwe, Ndola, Katete, Mansa und Chipata. Die Beobachter:innen berichteten von Wahllokalen, die pünktlich öffneten, von friedlicher Stimmabgabe und davon, dass ungültige Stimmzettel teilweise ersetzt wurden. Auch die EU-Wahlbeobachtungsmission bewertete die Durchführung der Stimmabgabe insgesamt positiv.
Damit verbietet sich eine pauschale Darstellung der Wahl als manipuliert. Millionen Menschen konnten ihre Stimme abgeben, und die Wahl selbst war in weiten Teilen ruhig. Genau deshalb ist die Kritik an den politischen Rahmenbedingungen umso wichtiger. Demokratie besteht nicht nur aus dem Moment, in dem ein Stimmzettel in die Urne fällt.
Denn bereits vor dem Wahltag war der Wettbewerb nicht gleichberechtigt.
Ein schrumpfender politischer Raum
Seit Hichilemas überwältigendem Wahlsieg 2021 sind die Hoffnungen auf eine demokratische Erneuerung Sambias nur teilweise erfüllt worden. Zwar hat die Regierung wichtige Reformen umgesetzt, unter anderem die Abschaffung der Todesstrafe und der strafrechtlichen Diffamierung des Präsidenten. Gleichzeitig wurden Oppositionelle festgenommen, Versammlungen eingeschränkt und neue rechtliche Instrumente geschaffen, die Kritik und Kommunikation im digitalen Raum erschweren.
CIVICUS warnte bereits im Juli 2026 vor einem zunehmenden „closing civic space“ und verwies auf gesetzliche und administrative Maßnahmen, die politischen Dissens und öffentliche Beteiligung einschränkten. Auch der Bertelsmann Transformation Index (BTI) dokumentiert für die vergangenen Jahre zahlreiche Festnahmen von Oppositionellen und Fälle, in denen Sicherheitskräfte oppositionelle Veranstaltungen verhinderten.
Amnesty International warnte unmittelbar vor der Wahl ebenfalls vor einer Rückkehr zu Praktiken, die Hichilema selbst als Oppositionspolitiker kritisiert hatte. Die Organisation sieht insbesondere die Einschränkung von Meinungs- und Versammlungsfreiheit kritisch.
Die EU-Beobachter:innen stellten zudem fest, dass die UPND im Wahlkampf über deutlich größere Ressourcen verfügte und staatliche Veranstaltungen teilweise mit Wahlkampfaktivitäten vermischt wurden. In mehreren Fällen wurden nach ihrer Beobachtung auch staatliche Ressourcen zugunsten der Regierungspartei eingesetzt.
Das bedeutet nicht, dass Sambia zu einem autoritären Staat geworden wäre. Oppositionelle Parteien treten weiterhin an, unabhängige Organisationen arbeiten und Wahlen finden statt. Aber demokratische Systeme können auch schleichend erodieren. Der politische Raum wird nicht geschlossen – er wird enger. Darüber sprachen Mable Sichali, Referentin für Gemeindeentwicklung und soziale Gerechtigkeit, United Church of Zambia und Jimmy Maliseni, Rechtsanwalt, Direktor von Alliance for Community Action bei unserer Online-Veranstaltung im Vorfeld der Wahlen.
Wirtschaftliche Stabilisierung, soziale Ungleichheit
Hichilema kann dabei auf reale Erfolge verweisen. Nach der schweren Schuldenkrise hat seine Regierung eine Umschuldung erreicht und das Vertrauen internationaler Investoren zurückgewonnen. Rund zehn Milliarden US-Dollar sind seit 2021 in den Bergbau geflossen. Die Inflation wurde deutlich reduziert, und mit der kostenlosen Schulbildung wurde eine wichtige soziale Reform umgesetzt.
Doch die makroökonomische Stabilisierung ist bei vielen Menschen noch nicht als soziale Verbesserung angekommen. Hohe Lebenshaltungskosten, Arbeitslosigkeit und Stromengpässe belasten insbesondere junge Menschen. Die Financial Times beschrieb die Wahl deshalb als Auseinandersetzung darüber, wie stark die Bevölkerung tatsächlich vom Kupferboom profitiert. Gerade selbständige Bergleute und junge Menschen fühlen sich von den neuen Investitionen vielfach ausgeschlossen.
Hier liegt die eigentliche wirtschaftspolitische Herausforderung von Hichilemas zweiter Amtszeit. Claude Kabembe, Direktor von Southern Africa Resource Watch, hat sie prägnant formuliert: „Zambia needs a vision bigger than copper.“
Sambia braucht den Bergbau – aber Kupferproduktion allein ist keine Entwicklungsstrategie. Die entscheidende Frage lautet, ob die Einnahmen aus dem Rohstoffboom genutzt werden, um Landwirtschaft, industrielle Verarbeitung, Bildung, Technologie und regionale Wertschöpfung aufzubauen. Oder ob Sambia weiterhin vor allem Rohstoffe exportiert und die Gewinne nur begrenzt in der Gesellschaft ankommen.
Aus einer sozialpolitischen Perspektive geht es deshalb nicht nur um Wachstum, sondern um die Verteilung des Wachstums.
Die Krise begann nach der Wahl
Der eigentliche demokratische Stresstest begann allerdings erst nach dem Wahltag.
Am 14. August setzte die ECZ die Auszählung landesweit vorübergehend aus. Als Grund nannte sie Gewalt gegen Wahlpersonal und den Diebstahl von Wahlmaterial. Die Zählung wurde später wieder aufgenommen.
Die EU-Beobachtungsmission registrierte danach jedoch eine deutliche Verschlechterung der Transparenz. In zahlreichen Auszählungszentren wurden Ergebnisse nicht unmittelbar entsprechend den gesetzlichen Vorgaben dokumentiert. In fast der Hälfte der beobachteten Zentren kam es zu längeren Unterbrechungen, offenbar weil Wahlleiter:innen auf Anweisungen aus der ECZ-Zentrale warteten. Gleichzeitig nahm nach der Unterbrechung die Präsenz von Militär in den Auszählungszentren zu, während weniger Vertreter:innen von Parteien und zivilgesellschaftlichen Organisationen anwesend waren.
Besonders schwer wiegen Berichte über Angriffe auf Auszählungszentren. In Lusaka wurde nach Angaben der EU EOM ein Zentrum in Makeni von einer bewaffneten Gruppe angegriffen; fast sämtliche Ergebnisformulare sollen entwendet worden sein. Auch aus Kabwe wurden Angriffe mutmaßlicher UPND-Anhänger auf Auszählungszentren gemeldet. Diese Vorwürfe müssen unabhängig untersucht werden. Sie zeigen aber bereits jetzt, wie fragil das Vertrauen in den Wahlprozess geworden ist.
Noch problematischer ist die Entscheidung der ECZ, keine Ergebnisse auf Ebene der einzelnen Wahllokale vollständig öffentlich zugänglich zu machen. Gerade diese Daten wären notwendig, damit Parteien und zivilgesellschaftliche Beobachter:innen die offiziellen Ergebnisse überprüfen können.
Was bleibt von Hichilemas demokratischem Versprechen?
Hichilema hat gewonnen. Und sein Sieg ist deutlich genug, um nicht allein mit Manipulationsvorwürfen erklärt werden zu können. Die Opposition ist zudem selbst tief gespalten. Nach dem Tod des früheren Präsidenten Edgar Lungu 2025 zerfiel die ehemalige Regierungspartei Patriotic Front weiter; mehrere Oppositionsbündnisse konkurrierten miteinander. Brian Mundubile konnte diese Kräfte zwar teilweise bündeln, blieb aber organisatorisch und finanziell deutlich hinter der UPND zurück.
Sambia braucht eine starke und handlungsfähige Opposition. Eine Demokratie funktioniert nicht nur dadurch, dass eine Regierung gewählt wird. Sie braucht Institutionen, die Regierungsmacht kontrollieren: unabhängige Medien, Gerichte, Parlamente, Gewerkschaften und eine kritische Zivilgesellschaft. Organisationen wie JCTR spielen dabei eine zentrale Rolle. Ihre Wahlbeobachtung zeigt, dass demokratische Kontrolle auch von unten organisiert werden kann – durch lokale Beobachter:innen, Bürger:innen und gesellschaftliche Organisationen.
Hichilemas zweite Amtszeit sollte deshalb nicht mit der Botschaft beginnen, die Opposition habe verloren und die Regierung nun freie Hand. Sein eigentliches demokratisches Mandat besteht darin, die Institutionen zu stärken, die auch seine eigene Regierung kontrollieren.
Dazu gehören die vollständige Veröffentlichung der Wahlergebnisse auf Ebene der Wahllokale, eine unabhängige Untersuchung der Gewalt während der Auszählung, gleiche Bedingungen für Regierung und Opposition sowie die Sicherung von Versammlungs-, Presse- und Meinungsfreiheit.
Ein starkes Mandat – und eine große Verantwortung
Sambia bleibt trotz aller Rückschritte eine der stabileren Demokratien der Region. Der friedliche Machtwechsel von 2021 war ein wichtiger Beleg dafür. Auch 2026 konnten Millionen Menschen ohne massive Gewalt ihre Stimme abgeben.
Doch gerade deshalb sollte die zunehmende Einschränkung des politischen Raums nicht als Normalität akzeptiert werden.
Hichilema hat nun fünf weitere Jahre Zeit. Er kann sie nutzen, um Sambia wirtschaftlich stärker von seinem Kupferreichtum profitieren zu lassen und gleichzeitig demokratische Institutionen zu erneuern. Oder er kann die Machtkonzentration seiner Regierung weiter ausbauen.
Die Herausforderung ist damit größer als die Frage, wer die Wahl gewonnen hat. Sambia braucht eine Wirtschaftspolitik, die über Kupfer hinausweist – und eine Demokratie, die über den Wahlsieg einer Regierungspartei hinausgeht.
Die entscheidende Frage für Hichilemas zweite Amtszeit lautet deshalb: Wird er die Stärke seines Wahlsiegs nutzen, um den politischen Raum wieder zu öffnen – oder um ihn weiter zu schließen?
Diese und weitere aktuelle Einschätzungen werden wir mit einer öffentlichen Veranstaltung am Unabhängigkeitstag Sambias, dem 24. Oktober in Dortmund mit spannenden Gästen diskutieren.



