Ein KASA-Team nahm vom 9. bis 11. Februar 2026 an der Alternative Mining Indaba (AMI) in Kapstadt teil. Die Veranstaltung fand in der St. George’s Cathedral statt. Die diesjährige Ausgabe stand erkennbar unter dem Versuch, auf wachsende konzeptionelle und politische Kritik zu reagieren. Ob die vorgenommenen Anpassungen ausreichen, um der AMI neue Relevanz und strategische Schlagkraft zu verleihen, bleibt offen.
Ursprung und Anspruch der AMI
Die Alternative Mining Indaba wurde 2009 in Kapstadt als zivilgesellschaftliche Gegenplattform zur Mining Indaba gegründet, der weltweit größten Konferenz der Bergbauindustrie. Während dort Unternehmen, Investor:innen und Regierungen dominieren, sollte die AMI den vom Bergbau betroffenen Gemeinschaften Gehör verschaffen. Von Beginn an verstand sich die AMI nicht nur als Protestforum, sondern als Raum für die Diskussion alternativer Entwicklungsmodelle jenseits eines rein extraktivistischen Ansatzes. Im Zentrum standen die Sichtbarmachung sozialer, ökologischer und ökonomischer Folgen des Bergbaus, die Verteidigung des Rechts betroffener Gemeinschaften, Bergbauprojekte abzulehnen und die Frage, unter welchen Bedingungen Rohstoffabbau zu nachhaltiger Entwicklung beitragen kann. Dabei existierte stets ein breites Meinungsspektrum – von vollständiger Ablehnung des Bergbaus bis hin zu einer konditionalen Zustimmung unter strengen Auflagen wie Konsultation, Umweltstandards und gerechter Gewinnverteilung.
Wachsende Kritik: Repräsentation und Wirksamkeit
In den vergangenen Jahren nahm die Kritik an der AMI deutlich zu, insbesondere seitens betroffener Gemeinschaften. Zwei Aspekte standen dabei im Vordergrund:
Erstens: Die zunehmende Dominanz gut ausgestatteter internationaler NGOs und Geldgeber. Vertreter:innen von Communities kritisierten, dass die AMI sich von ihrer ursprünglichen Basis entferne und zu stark von Organisationen geprägt werde, die Kooperationen mit Unternehmen oder institutionellen Akteuren eingingen. Dadurch sei der Raum für genuin community-getragene Positionen geschrumpft.
Zweitens: Die begrenzte politische Wirksamkeit. Trotz jährlich formulierter Forderungen blieben substanzielle politische Veränderungen aus. Abschlusserklärungen wurden zwar an die Mining Indaba und andere Akteur:innen übergeben, doch fehlten kontinuierliche Strategien, um Regierungen und Unternehmen zwischen den Konferenzen systematisch zur Rechenschaft zu ziehen. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirkung führte zu wachsender Frustration.
AMI 2026: Perspektivwechsel?
Die AMI 2026 stand unter dem Motto: „Alternative Stories of Mining. Communities for Justice in Energy Transition“. Ziel war es, die global dominierende Erzählung der Energiewende aus der Perspektive betroffener Gemeinschaften zu hinterfragen. Während in Industrieländern kritische Mineralien wie Lithium oder Kobalt mit Zukunftsfähigkeit und Klimaschutz assoziiert werden, erleben viele Gemeinden deren Abbau als Fortsetzung bekannter Muster: Umweltzerstörung, Wasserknappheit, Verlust landwirtschaftlicher Flächen, Vertreibung und kulturelle Entwurzelung. Besonders eindrücklich waren Berichte über die Zerstörung von Ahnen- und Gemeinschaftsgräbern – ein Aspekt, der die soziale und spirituelle Dimension von Rohstoffprojekten verdeutlicht und in internationalen Debatten häufig ausgeblendet wird. Konzeptionell versuchte die AMI 2026, die Stimmen der Communities stärker zu zentrieren. Statt einer klassischen Konferenzstruktur setzte man auf dezentrale Workshops, Ausstellungen und eine öffentliche Demonstration mit Übergabe einer Erklärung an Vertreter:innen der Mining Indaba. Auch der Veranstaltungsort war symbolisch gewählt: Die St. George’s Cathedral – historisch ein Ort des Widerstands gegen das Apartheidregime und Wirkungsstätte von Desmond Tutu – sollte an die emanzipatorischen Wurzeln der AMI erinnern.
Strukturelle Defizite und strategische Lücken
Trotz dieser Neuausrichtung blieben zentrale strukturelle Probleme bestehen. Das erste ist die fehlende strategische Anschlussfähigkeit. Die grundlegende Frage dazu bleibt: Wie können die artikulierten Stimmen politisch wirksam werden? Solange keine belastbare Strategie existiert, um Forderungen in konkrete politische Prozesse zu überführen, bleibt die AMI primär ein Raum der Artikulation – nicht der Durchsetzung. Zwischen den jährlichen Treffen fehlen institutionalisierte Mechanismen zur Nachverfolgung von Beschlüssen, zur Koordination von Kampagnen und zur Rechenschaftspflicht von NGOs unter sich. Dadurch entsteht der Eindruck diskontinuierlicher Einzelereignisse ohne strategische Verstetigung. Zu erwähnen sind auch die Koordinations- und Kommunikationsprobleme. Die stärkere Dezentralisierung sollte Beteiligung fördern, führte jedoch zu erheblichen organisatorischen Schwächen. Informationen zu Veranstaltungen waren teilweise nicht öffentlich zugänglich, Zeitpläne unübersichtlich, Räume schwer auffindbar. In der Praxis bedeutete dies, dass viele Gruppen ausschließlich innerhalb ihrer eigenen Netzwerke mobilisieren. Parallel dazu schufen einige größere NGOs geschlossene Formate mit begrenztem Teilnehmerkreis. Dies verstärkt bestehende Spannungen über Machtverhältnisse innerhalb der AMI. Hinzu kommt, dass eine strategische Auseinandersetzung mit den zunehmenden geopolitischen Spannungen im Kontext eines globalen Wettbewerbs um afrikanische Ressourcen – auch vor dem Hintergrund sicherheitspolitischer Interessen –unterentwickelt blieb. Die Frage, wie afrikanische Akteur:innen ihre Positionen bündeln und in internationalen Foren wirksam vertreten können, wurde nur am Rande behandelt.
Rolle der zentralen AMI im veränderten Umfeld
Angesichts nationaler und lokaler AMI-Formate in verschiedenen Ländern stellt sich zunehmend die Frage nach der spezifischen Funktion der zentralen Veranstaltung in Kapstadt. Lokale Prozesse verfügen oftmals über direktere Hebel zur Einflussnahme auf Behörden und Unternehmen. Die zentrale AMI steht daher vor einer strategischen Grundsatzentscheidung: Soll sie primär ein transnationales Vernetzungsforum, ein Raum für die Verstärkung nationaler Kampagnen, für Wissensproduktion oder eine koordinierende Plattform zwischen lokalen Initiativen? Ohne klare Prioritätensetzung droht sie, weiterhin an politischer Relevanz zu verlieren. Die AMI 2026 hat erkennbar versucht, zu ihren community-orientierten Ursprüngen zurückzukehren. Symbolik, Formatänderungen und thematische Fokussierung allein reichen jedoch nicht aus. Entscheidend wird sein, verbindliche strategische Ziele zu definieren, Koordinationsstrukturen zwischen den jährlichen Treffen aufzubauen, Rechenschaftsmechanismen zu entwickeln und Machtasymmetrien innerhalb der eigenen Strukturen transparent zu adressieren. Ohne eine solche strukturelle Neuausrichtung besteht die Gefahr, dass die AMI zwar Kritik artikuliert, letztlich jedoch systemstabilisierend wirkt, weil sie keinen nachhaltigen politischen Druck entfaltet. Die AMI steht damit nicht vor einer kosmetischen Reform, sondern vor einer grundlegenden strategischen Neuaufstellung. Nur so kann sie im Kontext globalen Wettbewerbs um afrikanische Ressourcen für Energiewende und Militarisierung langfristig relevant bleiben.



