Matabeleland, Simbabwe: Wird das Schweigen jetzt endlich gebrochen?

Wandgemälde in Bulawayo zu Gukurahundi

Länger als 40 Jahre lang herrschte Redeverbot über die Gräuel des Gukurahundi, welche die Regierung von Robert Mugabe in den 1980er Jahren im Südwesten von Zimbabwe zu verantworten hatte. Jetzt haben 26'000 Überlebende und Angehörige von Opfern an Hearings ausgesagt, haben oft zum ersten Mal erzählen dürfen, was ihnen angetan wurde. Noch ist ungewiss, wie es weiter gehen soll. Die Forderungen der Betroffenen sind klar: schonungslose Wahrheitsfindung, Anerkennung des zugefügten Unrechts und Community Reparations. Allerdings stellt sich die Frage: Ist transformative Gerechtigkeit ohne einen Machtwechsel überhaupt denkbar?

Von 1983 bis 1988 wütete die von Nordkoreanern ausgebildete 5. Brigade Zimbabwes im Südwesten des Landes. Nachrichten aus dem hermetisch abgeriegelten Gebiet wurden rigoros unterbunden. So gelangte nur wenig Information nach draussen und diese konnte nicht verifiziert werden. Erst 1997 erschien unter dem Titel Breaking the Silence, Building True Peace der Bericht der katholischen Justice and Peace Commission, aus welchem eine entsetzte Öffentlichkeit im In- und Ausland von den zahlreichen Gräueltaten erfuhr, welche an der ethnischen Minderheit der Ndebele verübt worden waren.

Die Zahl der damals Ermordeten wird auf 20'000 geschätzt, eine viel grössere Zahl dürften die Überlebenden schwerer Menschenrechtsverletzungen ausmachen, darunter viele vergewaltigte Frauen, die Opfer gezielter sexualisierter Gewalt wurden. Eine Aufarbeitung der unter dem Namen Gukurahundi bekannt gewordenen Gräuel blieb bis in allerjüngster Zeit aus.

Nicht nur die europäische, auf Zimbabwe bezogene Solidaritätsbewegung tat sich schwer mit dem Gukurahundi, waren die 1980er Jahre doch die goldenen Jahre des hoffnungsvollen Aufbruchs nach Erlangung der Unabhängigkeit, die Jahre, in denen das Erziehungssystem und die Gesundheitsversorgung demokratisiert und ausgebaut wurden, in denen Zimbabwe den Widerstand gegen Apartheid-Südafrika stärkte, Mozambique gegen Angriffe Südafrikas solidarisch zur Seite stand und Mugabe als international geachteter Staatsmann überall empfangen wurde. Es war die Zeit, in der das rassistische Minderheitsregime in Südafrika versuchte, seine Nachbarstaaten zu destabilisieren, indem seine Sicherheitskräfte Terrorgruppen ausbildeten und bewaffneten.

Oft geht vergessen, wie fragil die neu gewählte Regierung Mugabe anfänglich war. Der Aufbau einer nationalen Armee aus den Elementen der rhodesischen Armee, den Guerrillaeinheiten der ZANLA (Armee der ZANU) sowie der ZIPRA (Armee der ZAPU) war ein schwieriges Unterfangen. Sie unterstand dem Kommando von General Walls, der den Kampf gegen die Befreiungsbewegung befehligt hatte und dessen Loyalität zur neuen Regierung nicht gesichert war.

Spannungen zwischen den Einheiten der beiden Befreiungsbewegungen, die jeweils auf unterschiedlichen ethnischen Grundlagen beruhten, entluden sich in gewaltsamen Auseinandersetzungen, die mit großer Härte niedergeschlagen wurden. Einzelne Gruppen unzufriedener ZIPRA-Kämpfer desertierten und verübten bewaffnete Überfälle. Zudem kam es zu mehreren Attentatsversuchen auf Mugabe, während südafrikanische Sabotageakte zur Zerstörung der simbabwischen Luftwaffe führten.

Es war nachvollziehbar, dass Mugabe mit der 5. Brigade eine Einheit schaffen wollte, der er vertrauen konnte. Wie Rita Schäfer in ihrem ausführlichen Bericht ausführt, hatte  der südafrikanische Geheimdienst suggeriert, dass Exponenten der ZAPU, deren ethnische Basis mehrheitlich auf der Minderheitsgruppe der Ndebele beruhte, einen Staatsstreich gegen die Regierung Mugabe planten. Der damalige Geheimdienstchef Zimbabwes hiess Emmerson Mnangagwa; er ist heute Zimbabwes Präsident.

Schweigen als offizielle Erinnerungskultur

Ich erwähne diesen Hintergrund nicht, um das Vorgehen der Sicherheitskräfte in den Provinzen Matabeleland und Midlands zu rechtfertigen, die jeden und jede Sindebele Sprechende(n) unter Generalverdacht stellten und der Unterstützung der sogenannten Dissidenten beschuldigten. Was in den 5 Jahren dort geschah, ist durch nichts zu entschuldigen. Neben sexualisierter Gewalt und Folter wurde auch Hunger als Waffe eingesetzt. Während der Dürrejahre 1984/85 wurden diese Gebiete von jeglicher Nahrungsmittelhilfe abgetrennt. Auch allgemein wurden die Gebiete, in denen die 5. Brigade und der Geheimdienst die Bevölkerung drangsalierten, abgeriegelt, es drangen kaum Informationen nach draussen. Vielen Simbabwer:innen war während langer Zeit nicht bewusst, welche Gräuel sich in diesem Teil ihres Landes abgespielt hatten und wer es wusste, durfte nicht darüber sprechen.

Die Verfolgungen hörten erst 1987 mit dem sogenannten Unity Accord auf, welcher die ZAPU und ihren Führer, Joshua Nkomo, in eine Einheitsfront mit der ZANU zwang, als Vorstufe zu dem von Mugabe angestrebten Einparteienstaat. Fortan blieben die «Ereignisse», wie verharmlosend auf den Gukurahundi Bezug genommen wurde - tabuisiert, und eine am 18.4.1988 erlassene Generalamnestie verhinderte eine strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen. Während vieler Jahre forderten lokale Menschenrechtsorganisationen vergeblich eine Aufarbeitung, einschliesslich einer Rehabilitierung der Opfer. Zwar wurden bereits in den 1980er Jahren zwei Kommissionen (Dumbutshena- und Chihambakwe) eingesetzt, deren Berichte jedoch nie veröffentlicht wurden.

In der offiziellen Erinnerungskultur Zimbabwes war kein Platz für den Gukurahundi und damit für das Leid der betroffenen Bevölkerung, er passte nicht ins Narrativ und wurde zum Tabu. Die Überlebenden konnten die irgendwo verscharrten ermordeten Verwandten nicht beerdigen, es gab keine Totenscheine für die verschwundenen Väter und damit keine Einschulung und Identitätsausweise für deren Kinder. Für das verwüstete, verbrannte Land, die zerstörte Ernte, das getötete Vieh gab es keine Entschädigung. Die vergewaltigten Frauen gebaren Kinder, die keine Väter hatten und oft von ihren Familien verstossen wurden. Es durfte nicht getrauert werden, es gab keinen Abschluss des Grauens, die kollektiven Traumata blieben in den Gemeinschaften eingeschlossen und motteten unter der Oberfläche weiter. Nichtregierungsorganisationen, welche den Überlebenden und Angehörigen der Opfer juristische und psychologische Hilfe anbieten wollten, wurden noch in den 2000er bedroht. Zudem wurde die Region im Südwesten bezüglich staatlicher Entwicklungsanstrengungen stark vernachlässigt.

Das Thema blieb eine schwärende Wunde, nicht nur für die betroffene Region, sondern für ganz Zimbabwe. Bei Interviews, die ich in jüngerer Zeit in einem anderen Zusammenhang mit vormaligen studentischen Aktivisten und Aktivistinnen durchführte, tauchten die nach wie vor bestehenden Spannungen in deren Erzählungen immer wieder auf. Ein Befragter erzählte, dass er erst als Erwachsener herausfand, dass sein Vater der ZIPRA, der Armee der ZAPU, angehört hatte. Bei einem anderen gehörte die Mutter der ZIPRA und der Vater der ZANLA an. Viele seiner Verwandten auf Mutterseite waren den Säuberungen zum Opfer gefallen. Da er selbst als kleines Kind nur Shona sprach, musste er in Bulawayo versteckt werden, bis er sich ausreichend in der lokalen Sprache verständigen konnte, um nicht Vergeltungsakten zum Opfer zu fallen. Die Ausgrenzung der Ndebele-Minderheit ging so weit, dass sie auch Familien betraf, die der Herkunft nach Shona waren, aber in Bulawayo lebten und Shona mit einem Ndebele-Akzent sprachen. Der Antagonismus zwischen den Volksgruppen ist aus politischem Kalkül konstruiert, das soziale Geflecht ist durchmischt durch Generationen überschreitende gegenseitige Eheschliessungen und Migration.

Es gab und gibt kein offizielles Gedenken, keine Anerkennung und schon gar keine Reparationen für die Betroffenen. Unter der Oberfläche war das Thema jedoch immer ebenso präsent wie umstritten. Von zivilgesellschaftlichen Organisationen errichtete Gedenktafeln für die Opfer wurden mehrfach zerstört. Teams, die Opfer mit Exhumierungen zu identifizieren suchten, wurden von Geheimdienstleuten verfolgt.

Als Kommandant der 5. Brigade war Perence Shiri verantwortlich für deren Einsatz in den Jahren 1983-84. Im Jahr 2000 starb er 65jährig, offiziell an Covid. Ob das die tatsächliche Ursache für den plötzlichen Tod des pensionierten Luftwaffenchefs und Landwirtschaftsministers war, wurde zum Gegenstand zahlreicher Spekulationen, bei denen seine Rolle im Gukurahundi nie fehlte. Wurde er vergiftet oder hatten sich die Ngozi, die Geister der Ermordeten an ihm gerächt? Im kollektiven Bewusstsein Zimbabwes ist das ungesühnte Unrecht des Gukurahundi präsent, auch in den Kreisen der damals Verantwortlichen und heutigen Regierungselite.

Gukurahundi wird enttabuisiert

Es waren Künstler:innen, welche die Erinnerung an das Unrecht trotz drohender Repressalien immer wieder in die auch internationale Öffentlichkeit trugen: mit Theaterstücken, Romanen, Kunstwerken. Weltweit bekannt wurde der Roman «Wegrennen mit Mutter» von Christopher Mlalazi: er lässt die 14jährige Rudo erzählen, wie sie mit ihrer Mutter vor der Gewalt flieht. Im Roman «Haus aus Stein» thematisiert Novuyo Rosa Thsuma das bleierne Schweigen über den Gukurahundi und dessen verheerende Folgen.

Bereits 1992 entschuldigte sich mit Moven Mahachi ein Minister der Mugabe-Regierung öffentlich für die Ermordung und Folter von Zivilist:innen. Mugabe selbst räumte am 2. Juli 2000 anlässlich der Beerdigungsfeier von Joshua Nkomo ein, dass Tausende ums Leben gekommen waren; er nannte das Ganze «einen Moment des Wahnsinns». Weiter wollte er nicht gehen.

Danach gab es verschiedene, wenn auch zumeist halbherzige Anläufe, sich mit der Hinterlassenschaft des Gukurahundi offiziell auseinanderzusetzen. So veranlasste die SADC (Southern African Development Community) 2009, dass Zimbabwe ein Organ of National Healing, Reconciliation and Integration (NHRI) einsetzte. Mangels Kompetenzen und Ressourcen – und vor allem mangels politischen Willens – blieb diese Initiative folgenlos. Im Januar 2018, jetzt unter der Regierung von Emmerson Mnangagwa, wurde eine National Peace & Reconciliation Commission (NPRC) ins Leben gerufen. Sie führte während kurzer Zeit Exhumierungen und Beerdigungen durch, blieb dann jedoch untätig.

2025 – eine Wende?

Dies sollte sich im Jahr 2025 auf dramatische Weise ändern. Einer Initiative des Präsidenten Mnangagwa folgend, hielten die Chiefs in den südwestlichen Provinzen in der zweiten Jahreshälfte 2025 öffentliche und nicht-öffentliche Anhörungen ab, in deren Rahmen 26'000 Zeugenaussagen aufgenommen wurden. Viele Menschen erhielten so zum ersten Mal die Gelegenheit, ihre Geschichte zu erzählen. Erstmals wurde es möglich, offen über die Vergangenheit zu sprechen.

Der Nationale Rat der Chiefs steht geschlossen hinter dem Prozess der Wahrheitsfindung. Unterstützt werden die Chiefs von zivilgesellschaftlichen Organisationen, die insgesamt 1'500 Mitglieder von Befragungsteams ausbildeten, darunter 74 Chiefs und 154 Berichterstatter:innen. Neben lokalen NGOs war auch die Schweizerische Friedensstiftung an der Ausbildung beteiligt. Unter anderem ging es darum, ein Verständnis dafür zu entwickeln, was als Menschenrechtsverletzung gilt (es werden 25 Kategorien unterschieden) und wie Aussagen sachgerecht zu dokumentieren sind.

Besonders wichtig war, dass der Schutz der Opfer im Zentrum steht. So musste etwa dem Wunsch von Vergewaltigungsopfern entsprochen werden, nicht öffentlich aussagen zu müssen. Für die Glaubwürdigkeit der Aussagen ist es jedoch wichtig, dass die Anhörungen in der Regel öffentlich stattfinden.

Dass 26'000 Menschen die Gelegenheit nutzten, von ihren leidvollen Erfahrungen zu berichten, deutet darauf hin, dass die Hearings einem realen Bedürfnis der Betroffenen entsprechen. Das sind mehr als die von der südafrikanischen Wahrheitskommission gesammelten Aussagen. Ende 2025 war zudem erst etwa die Hälfte der betroffenen Gebiete erfasst; es ist daher zu erwarten, dass die Zahl der Aussagen noch deutlich ansteigen wird.

Innerhalb der simbabwischen Zivilgesellschaft ist umstritten, ob unter der Regierung von Emmerson Mnangagwa, der selbst zu den Tätern gezählt wird, eine ehrliche Aufarbeitung überhaupt möglich ist. Die Befürworter:innen des Prozesses argumentieren, dass sich nun die wohl letzte Gelegenheit bietet, die Überlebenden anzuhören und die Fakten zu sammeln, bevor diese sterben. Zudem verbindet man mit der Möglichkeit, über das Erlebte zu sprechen, die Hoffnung auf Entlastung. Das grundlegende Problem bleibt jedoch, dass mit den Anhörungen eine Vergangenheitsarbeit angestossen wird, ohne dass ein Machtwechsel stattgefunden hat.

Primäre und sekundäre Traumatisierung

Die Anhörungen waren ursprünglich für einen Zeitraum von sechs Monaten geplant. Inzwischen zeigt sich jedoch, dass sie deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen werden und der Prozess Dimensionen annimmt, die mit den bisherigen Mitteln nicht mehr bewältigt werden können.

Die Anhörungen werden von einem Team von 40 Personen durchgeführt. Die dabei entstehenden Audioaufnahmen werden an eine zentrale Stelle übermittelt, wo sie transkribiert und übersetzt werden. Die Zeug:innenaussagen legen unerträgliche Grausamkeiten offen und lassen lange unterdrückte Erinnerungen aufbrechen.

Die Überlebenden und die Angehörigen der Ermordeten benötigen dringend psychosoziale Unterstützung. Doch nicht nur sie, auch viele der mit den Befragungen und deren Transkription Betrauten leiden unter grossen psychischen Belastungen und es kommt zu sogenannter sekundärer Traumatisierung. Unter diesen Menschen gibt es eine erschreckend hohe Zahl, die akut suizidgefährdet ist. Für alle diese Menschen ist rasche und kontinuierliche psychosoziale Unterstützung unabdingbar. Derzeit fehlen jedoch die erforderlichen Mittel, um diesen Bedarf angemessen zu decken. Ohne zusätzliche Ressourcen ist es nicht möglich, die notwendige psychosoziale Begleitung sicherzustellen.

Die Bedeutung sozialer Anerkennung

Professor Andreas Maercker ist Psychotraumatologe; sein Forschungsschwerpunkt der letzten Jahre sind historische Traumata. Er betont, dass soziale Anerkennung ein entscheidender Faktor für die Überwindung eines kollektiven Traumas ist . Eine solche Anerkennung können Gedenkfeiern, jährliche Gedenktage, Denkmäler, aber auch die Berichterstattung in den Medien und die Aussagen von Politiker:innen sein. Besonders belastend sei es für politische Minderheiten, die politische Verfolgung oder Genozide erlebt haben, wenn die Täter noch leben, nie zur Verantwortung gezogen wurden und sogar noch an der Macht sind. Sie müssen nicht nur mit dem erlittenen Trauma leben, sondern müssen auch dafür kämpfen, dass dieses überhaupt anerkannt wird.

Weiter meint Maercker, dass ein Gefühl der Sicherheit und des Aufgehobenseins für die Überlebenden einer so schwerwiegenden Gewalterfahrung von zentraler Bedeutung sei. Wenn sie mit dem Bewusstsein lebten, dass bereits ihre Eltern oder Grosseltern mit Nichtanerkennung, Ausgrenzung oder Gewalt konfrontiert waren, könne sich ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit verfestigen. Damit Heilung stattfinden kann, ist Anerkennung deshalb unerlässlich, sie wird durch eine ehrliche Erinnerungskultur und durch Gedenkorte vermittelt.

Was ist vom Aufarbeitungsprozess in Zimbabwe zu erwarten, der unter direkter Aufsicht des Präsidenten steht, dessen Motivation jedoch rätselhaft bleibt? Fürchtet er die Vergeltung der umherirrenden Geister der Toten, der Ngozi, für seine Nachfahren? Will er vermeiden, am Ende seines Lebens vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu stehen? Oder geht es ihm darum, sein politisches Vermächtnis zu verbessern, indem er Voraussetzungen für Versöhnung schafft? Wie dem auch sei: Der Prozess ist angestossen und wohl nicht mehr aufzuhalten. Soll er zu einem positiven Ergebnis führen, müssen die notwendigen Schritte konsequent unternommen werden.

Zuerst erschienen im Blog des Afrika Komitees. Wir danke für die freundliche Genehmigung.

 

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