Im März dieses Jahres reiste ich nach Yaoundé (Kamerun), um an Aktivitäten rund um die 14. Ministerialkonferenz der Welthandelsorganisation teilzunehmen. Zuvor war ich bereits in Kapstadt, Luanda, Harare und Lusaka unterwegs – Eindrücke, die meinen Blick auf Yaoundé unweigerlich prägten.
Schon die Ankunft am internationalen Flughafen ließ nichts Gutes erahnen. Nach der Landung gegen 14:30 Uhr – mit Zwischenstopp in Addis Abeba – dauerte es bis 18:30 Uhr, bis alle Formalitäten erledigt waren. In dieser Zeit wurden wir zwischen verschiedenen Stationen hin- und hergeschickt, um Visa zu erhalten und Gepäckstücke aufzuspüren. Die Organisation wirkte überfordert und zugleich bemüht, den WTO-Gästen gerecht zu werden – eine Kombination, die vor allem zu vermeidbaren Verzögerungen führte.
Ein besonders ineffizientes Beispiel war die Auslagerung der Visabearbeitung in einen kleinen Nebenraum, der gleichzeitig zur Gepäckausgabe diente. Da zudem alle Wege mehrfach durch den Hauptbereich führten, entstand ein logistisches Chaos. Ironischerweise wäre der reguläre Ablauf für alle Beteiligten wohl deutlich schneller gewesen. Ich hatte das Glück, mit einer Delegation unterwegs zu sein, die von einem Partner von Brot für die Welt abgeholt wurde. Viele andere verließen sich auf die angekündigten Shuttle-Busse – oft vergeblich. Einige warteten stundenlang, andere mussten schließlich auf Taxis ausweichen. Eine Gruppe berichtete sogar, dass ihr Shuttle-Fahrer aus Douala kam und sich in Yaoundé nicht auskannte – die Gäste selbst navigierten ihn per Smartphone durch die Stadt.
Eine Stadt im Stillstand
Bei der Fahrt in die Stadt fiel sofort auf: Yaoundé wirkt alt – nicht historisch gewachsen, sondern vernachlässigt. Die Stadt erinnerte mich stellenweise an Buenos Aires, wo frühere wirtschaftliche Stärke noch sichtbar ist, während aktuelle Krisen ihre Spuren hinterlassen. Auch in Yaoundé entsteht der Eindruck, dass es eine Phase relativen Wohlstands gab, in der viel gebaut wurde – gefolgt von jahrzehntelanger Stagnation.
Ein deutscher Kollege, der vor 30 Jahren in Kamerun gearbeitet hatte, brachte es auf den Punkt: „Hier hat sich kaum etwas verändert – außer ein paar neuen Straßen.“ Tatsächlich scheint nicht nur wenig Neues zu entstehen, sondern auch das Bestehende zunehmend zu verfallen. Kaum ein Gebäude wirkt instandgehalten, selbst Ministerien und der Konferenzort, das Palais des Congrès, hätten dringend Renovierungen nötig.
Besonders auffällig ist das Fehlen sichtbarer Zukunftsinvestitionen. Solaranlagen sucht man nahezu vergeblich – trotz einer unzuverlässigen Stromversorgung, die selbst in Hotels regelmäßig zu Ausfällen führt. In anderen Städten wie Lusaka oder Harare, die ebenfalls unter Energieproblemen leiden, sind private Solarinitiativen längst verbreitet. Die wenigen Baustellen, die man in der Stadt sieht, scheinen nicht mehr aktiv zu sein, sodass überall der Eindruck des Alten entsteht – als würde Yaoundé nur noch provisorisch bewohnt, bis ein Umzug in eine neue Stadt erfolgt. Einen solchen Plan gibt es in Kamerun jedoch nicht. In Tansania und Äquatorialguinea werden mit Dodoma und Ciudad de la Paz neue Hauptstädte aufgebaut, parallel zur Entwicklung neuer Profile für die bisherigen Hauptstädte Dar es Salaam und Malabo. Yaoundé hingegen lässt man verfallen, ohne jede Ausweichmöglichkeit. Aus diesen Erfahrungen erscheint die Entscheidung, eine Ministerialkonferenz der WTO in Kamerun auszurichten, sehr ambitioniert und egoistisch gewesen zu sein. Zahlreiche afrikanische Länder verfügen über deutlich bessere logistische und organisatorische Voraussetzungen für ein Treffen dieser Größenordnung. Die Bewerbung Kameruns wirft daher Fragen hinsichtlich der realistischen Einschätzung der eigenen Kapazitäten, der Prioritätensetzung der verantwortlichen Entscheidungsträger:innen und deren Sorglosigkeit für das nationale Ansehen auf.
Vergleich und Kontrast
In Bezug auf die Dynamik der Modernisierung ist Yaoundé mit den eingangs erwähnten Städten des Südlichen Afrika nicht zu vergleichen. Die einzige afrikanische Stadt, an die mich Yaoundé aufgrund ihres düsteren Gesamteindrucks erinnerte, ist Antananarivo. Ein Kollege meinte, als ich solche Vergleiche zog, ich bewege mich vor allem im „reichen Teil Afrikas“. Doch selbst Städte in der Demokratischen Republik Kongo wie Kinshasa, Goma oder Lubumbashi – in einem Land, das seit 30 Jahren von brutalem Krieg geprägt ist – strahlen im Gesamtbild mehr Hoffnung aus. Die Mischung aus maroder öffentlicher Infrastruktur, die in der Verantwortung eines kaum funktionierenden Staates liegt, und vielfältigen privaten Investitionen erzeugt dort eine andere Dynamik als in Yaoundé.
Im Vergleich zu vielen Städten im Südlichen und Östlichen Afrika fehlt Yaoundé die Dynamik. Der düstere Gesamteindruck inspirierte einen Witz, den ich Taxifahrer:innen erzählte: „In Kamerun gibt es ein ungeschriebenes Gesetz: Alles muss so alt aussehen wie Paul Biya.“ Der Humor traf – vielleicht, weil er einen wahren Kern berührt.
Und doch: Dieses Bild der Stagnation steht im starken Kontrast zur Energie der Menschen. Auf Märkten und Straßen begegnet man einer lebendigen, kämpferischen Bevölkerung. Gerade junge Menschen zeigen Kreativität und Durchhaltevermögen – trotz eines Systems, das eher auf Stillstand als auf Entwicklung ausgerichtet scheint.
Die Worte von Papst Leo XIV. in Luanda am 18.04.2026, der kurz zuvor Yaoundé besucht hatte, erscheinen vor diesem Hintergrund besonders treffend: „Despoten und Tyrannen des Körpers und des Geistes wollen die Seelen passiv machen und die Leidenschaften öde, zur Trägheit neigend, fügsam und der Macht unterworfen. … Die beste Methode, zu herrschen und uneingeschränkt voranzuschreiten, besteht darin, Hoffnungslosigkeit auszusäen und ständiges Misstrauen zu wecken.“ Genau dieser Eindruck drängt sich in Yaoundé auf.
Ein Land mit großem Potenzial
Dabei verfügt Kamerun über enormes Potenzial. Nicht umsonst wird es als „Afrika im Kleinen“ bezeichnet: Das Land vereint unterschiedlichste Klimazonen und landwirtschaftliche Möglichkeiten. Ein Besuch auf einer Farm nahe Yaoundé machte diese Vielfalt eindrucksvoll sichtbar – eine Grundlage, die durchaus Industrialisierung und wirtschaftliche Entwicklung tragen könnte. Damit dieses Potenzial Realität wird, braucht es jedoch politische Veränderungen. Die derzeitige Stagnation ist kein Naturzustand, sondern Ergebnis von Strukturen, die Transformation blockieren.
Mein Appell richtet sich daher an die kamerunische Diaspora, insbesondere in Deutschland: Organisiert euch, bringt euch ein, nutzt eure Möglichkeiten. Während Yaoundé stagniert, zeigen viele andere Orte in Afrika, dass positive Veränderungen trotz widriger Umstände möglich sind. Yaoundé hat das Potenzial – was fehlt, ist der politische Wille, es zu entfalten.

