Budapester Aufruf für Klimagerechtigkeit: Keine Klimagerechtigkeit ohne soziale Gerechtigkeit

Schon seit einigen Jahren setzen sich Kirchen in aller Welt für Klimagerechtigkeit ein. An dieses Engagement anknüpfend, haben Vertreterinnen und Vertreter europäischer Kirchen Mitte November 2010 dazu aufgerufen, dass die 10. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) im südkoreanischen Busan im Oktober 2013 Klimagerechtigkeit zum zentralen Thema machen solle. Ergänzend gibt es im Bereich der deutschen Kirchen Überlegungen, der nächsten ÖRK-Vollversammlung vorzuschlagen, eine Ökumenische Dekade zur Verwirklichung von Klimagerechtigkeit auszurufen.

Rund 80 Delegierte von Kirchen aus 32 europäischen Ländern so wie von Kirchen aus aller Welt nahmen vom 8. bis 12. November 2010 an der Konsultation „Armut, Reichtum und Ökologie in Europa“ in Budapest teil. Veranstaltet wurde die Konsultation vom ÖRK und von der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) als Teil eines breiten ökumenischen Konsultationsprozesses zu sozialen und ökologischen Herausforderungen der wirtschaftlichen Globalisierung, der von der 9. Vollversammlung des ÖRK in Porto Alegre im Jahr 2006 initiiert worden war.

Zum Abschluss der Konsultation wurde der „Budapester Aufruf für Klimagerechtigkeit“ verabschiedet, der politische und soziale Dimensionen von Klimagerechtigkeit betont und auf den strukturellen Zusammenhang der unterschiedlichen globalen Krisen – von der Finanz- bis hin zur Klimakrise – hinweist. Angesichts dieser Krisen hebt der Aufruf hervor, dass ein umfassender Wandel des Konsumverhaltens und der Produktionsweisen in den Industrieländern erforderlich sei. Damit stellt er auch die Frage nach den Grenzen wirtschaftlichen Wachstums. Zugleich erwartet der Aufruf von der Europäischen Union und ihren Mitgliedsländern, dass sie eine Führungsrolle beim Einsatz für Klimagerechtigkeit einnehmen.

Der Verabschiedung des „Budapester Aufrufes“ gingen Diskussionen voraus, die deutlich machten, dass Kirchen in den alten Mitgliedsländern in mancherlei Hinsicht andere Vorstellungen haben als Kirchen in den ehemals kommunistischen Ländern Mittel- und Osteuropas. So haben letztere nicht selten noch immer ein distanziertes Verhältnis zum Staat und vertrauen eher auf nichtstaatliche als auf staatliche Maßnahmen zur Verwirklichung von Klimagerechtigkeit. Auch widersprechen sie einer Gegenüberstellung „des“ Nordens und „des“ Südens mit dem Hinweis auf die besondere Situation im Osten Europas.

Dieses europäische Ost-West-Gefälle spiegelt sich im Aufruf ebenso wider wie einige Vorstellungen von Teilnehmenden aus Lateinamerika, Afrika und Asien. Aufgrund dieses Kompromisscharakters könnte der „Budapester Aufruf“ Perspektiven für einen neuen globalen ökumenischen Konsens zu Fragen der Globalisierung eröffnen: An die Stelle der früheren unfruchtbaren Auseinandersetzungen – die häufig schematisch und unzulässig vereinfachend als Streit zwischen „den“ Kirchen „des“ Nordens und denen „des“ Südens gedeutet wurden – könnte jetzt der gemeinsame und als vordringlich erachtete konkrete Einsatz für Klimagerechtigkeit treten. Ein solcher Konsens wird dadurch erleichtert, dass der „Budapester Aufruf“ betont, dass Klimagerechtigkeit ohne Bekämpfung der Armut und Bekämpfung der Armut und Klimagerechtigkeit nicht möglich sind und dass Klimagerechtigkeit für die Entwicklungsländer das Recht auf Entwicklung einschließt.

Schon in den ersten Wochen nach der Verabschiedung des „Budapester Aufrufes für Klimagerechtigkeit“ zeichnet sich ab, dass dieser Aufruf die europäische ökumenische Debatte erkennbar beeinflussen wird. Damit scheint es sich als richtig erwiesen zu haben, die Budapester Konsultation handlungsorientiert zuzuspitzen und sie zielgerichteter zu gestalten als die bisherigen Regionalkonsultationen im Rahmen des ökumenischen Prozesses „Armut, Reichtum und Ökologie“ (Dar Es Salaam 2007, Guatemala City 2008 und Chiang Mai 2009). Klaus Heidel hatte sich als Vertreter der EKD maßgeblich an der Vorbereitung der Budapester Konsultation beteiligt, von ihm stammte auch der erste Entwurf des „Budapester Aufrufes“. Auf diese Weise ist also das neue ökumenische Dokument unmittelbar verknüpft mit der Werkstatt Ökonomie.

Klaus Heidel